Panoramafotos aus Sarajevo, Zagreb und Mostar

31 03 2009

So liebe Mitleser, nun möchte ich euch zum Schluss noch vier besondere Bilder zeigen: Meine Kamera bietet mir die Möglichkeit, mehrere Fotos von einem Standpunkt aus zu machen, die sich später zu einem großen Bild zusammenbauen lassen. Eine Software dafür hat Canon mit der Kamera mitgeliefert. Inzwischen habe ich aber eine weitaus bessere und großartig einfach zu bedienende freie Software für Linux gefunden: hugin, welches im Hintergrund die Panorama Tools und enblend benutzt, um herrliche Panoramabilder zu erstellen.

Das erste habe ich gleich am ersten Morgen in Sarajevo gemacht, weil ich den Ausblick auf die verschneiten und besiedelten Hügel im Hintergrund der Stadt toll fand:

Panorama Sarajevo

Blick vom fast östlichen Ende der Hauptstraße (zwischen Bistrik und Baščaršija) Richtung Osten und Süden

Ein zweites Panoramabild von Sarajevo konnte ich am Tag unserer Stadttour mit dem Inhaber unserer Herberge machen, als wir die alte Burg Bijela Tabija am östlichen Ende der Stadt besucht haben – von hier habe ich ein paar Tage später auch die Nachtfotos gemacht.

Panorama von Bijela Tabija

Blick von Bijela Tabia nach Westen

Wirklich gelungen finde ich dieses Panorama von der Stari Most in Mostar, für das ich hervorragendes Wetter hatte:

Panorama Stari Most

Blick auf die Stari Most und die Neretva

Zu guter letzt habe ich noch ein Panorama von Zagreb, das ich aus dem bekannten kleinen Lift heraus gemacht habe:

Panorama Zagreb

Panoramablick auf Zagreb

Also dann – das war’s soweit von mir! Ihr könnt euch noch auf eine Fotogalerie auf dieser Seite freuen und natürlich weiterhin Kommentare abgeben. Und empfehlt meine Geschichten ruhig weiter, wenn sie euch gefallen haben :-)

Viele Grüße!

Michael





Gesehen und Gelacht in Zagreb

31 03 2009

ZagrebliftZagrebliftschildMoin! Hier kommt nun der letzte lange Beitrag zu meiner Reise! Ich habe noch ein paar Bilder auf Lager, die ich in Zagreb von Motiven gemacht habe, die ich amüsant fand. Den hier abgebildeten Lift kennen wir schon – auf dem Bild rechts ist übrigens zu sehen, wer diesen hier gebaut hat – aber die Preispolitik des Betreibers ist genial: Eine Fahrt kostet 4 Kn, und liegt damit umgerechnet nur 13 Cent teurer als die in Sarajevo für 80 Feninga (40 Cent). Dabei fahren die beiden Gondeln im Fünf-Minuten-Takt jeweils aneinander vorbei nach oben bzw. unten. Der eilige Fahrgast kann aber auch 37 Kn bezahlen – knapp fünf Euro – und eine “Schnellfahrt” veranlassen, die ihn oder sie sofort nach unten oder oben bringt. Bei den steilen Straßen, die man sonst nehmen müsste, eine feine Sache für jemanden in Eile!

Newton-DeckelWie es zu dem rechts abgebildeten Ausbruch physikalischer Genauigkeit kam, ist mir unerklärlich. Ansonsten wimmelt es im Alltag von falschen Größen, falschen Dimensionen und unsinnigen Maßstäben – aber hier stimmt alles: Die Gullideckel widerstehen laut Aufschrift einer Kraft von 150 Kilonewton, bevor sie sich nach unten verabschieden. Anderswo hätte man diese Information höchstens als “15T”, wenn überhaupt, auf einem Gullideckel gefunden. Eine einfache Erklärung liegt dabei auf der Hand: Diese Gullideckel sind auch für den Einsatz auf dem Mond gedacht, wo 150 kN nicht 15 Tonnen, sondern etwa 92 Tonnen entspricht. Echte Füchse, diese Kroaten!

Postmelodien

Täterätää

So, nun gehts in die Museen! Im Museum für Post und Telekommunikation stehen uralte Telfonschaltanlagen und Telefone – und es gibt eine Bibliothek mit Telefonbüchern bis zurück ins Jahr 1916! Eine alte Frau saß an einem Tisch über ein Telefonbuch aus den 20ern oder 30ern gebeugt und schrieb Sachen heraus – sie erzählte mir, dass sie sich die Telefonbücher hier ausleiht und die Namen und Adressen der früheren Anwohner ihrer Straße herausschreibt, weil das ein ausgezeichneter Weg sei, etwas über die Geschichte der Menschen dort herauszufinden. Das Büchlein links fand ich besonders bemerkenswert: Da wird geregelt, wie sich Postkutschen mit der Trompete zu melden haben, und wie sie den Grund für ihre Fahrt und sogar die Zahl der Pferde anzukündigen haben! Offenbar war es früher undenkbar, bei der Post als Fahrer zu arbeiten und kein Blasmusik-Diplom zu haben.

FeuerlöscherausstellungEchter FeuerlöscherWie für mich gemacht war natürlich das Technische Museum. Gleich beim Eingang findet der Besucher eine Ausstellung über Feuerwehr und Brandschutz über mehrere Jahrhunderte. Dazu gehören selbstverständlich auch Feuerlöscher, wie links zu sehen ist. Aber weil es natürlich in einem Museum über Brandschutz auch mal brennen könnte, muss Brandschutz vorhanden sein! Den sieht man rechts, von der Ausstellung abgegrenzt durch den unmissverständlichen Hinweis: NIJE EKSPONAT – “Kein Ausstellungsstück!”

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Apollo-Sojus-Test-Projekt (1975)

Und weil das hier mein Blog ist und ich entscheide, was interessant ist und was nicht, gibts jetzt erstmal ein paar Raumfahrzeugmodelle zu sehen! :-P

Das Apollo-Sojus-Test-Projekt (siehe Foto links) war das erste Mal, dass ein amerikanisches und ein sowjetisches Raumfahrzeug aneinander angedockt haben. Es nahmen drei amerikanische Astronauten und zwei sowjetische Kosmonauten teil. Der Kosmonaut Alexey Leonov war 1965 der erste Mensch gewesen, der einen Raumspaziergang unternommen hatte, und der Astronaut Deke Slayton war damals mit 51 Jahren der älteste Mensch, der in den Weltraum geflogen war.

Saljut

Saljut 1 (1971)

Saljut 1 (siehe rechts) war die erste bemannte Raumstation der Menschheit. Sie war 20 Meter lang und beherbergte 23 Tage lang eine Besatzung von drei Komsonauten, die jedoch bei der Rückkehr zur Erde durch eine Fehlfunktion in ihrer Sojus 11-Kapsel ums Leben kam. Sie sind bis heute die einzigen im Weltall (also oberhalb der Atmosphäre) gestorbenen Raumfahrer. Das Modell ist offensichtlich schwer ramponiert, was an den herabhängenden und verdrehten Solarmodulen an der Station und der Sojus-Kapsel zu sehen ist – die in Wirklichkeit aber funktionstüchtig waren und wie üblich zu den Seiten abstanden.

Skylab

Skylab (1973 - 1979)

Ironischerweise sind bei diesem Modell der amerikanischen Raumstation Skylab die Solarmodule intakt, waren es aber in Wirklichkeit nicht: Skylab war die erste amerikanische und die zweite bemannte Raumstation, die von 1973 bis 1974 von mehreren Besatzungen besucht wurde, doch ihrem Start wurde sie schwer beschädigt, sodass sie nur eines der zwei großen Solarmodule am rechten Teil ausklappen und benutzen konnte. Infolge der Schäden konnte die Station nur schwer eine für Menschen bewohnbare Atmosphäre behalten, sodass sie nach 171 Tagen bemannten Betriebes 1973-74 schließlich bis 1979 nicht mehr besucht wurde und frühzeitig in der Atmosphäre verglühte.

Diesen Ausflug durch die Geschichte der Raumfahrt fand ich erfrischend ehrlich, denn gern werden von Amerikanern oder Sowjets die Errungenschaften der jeweils anderen Partei während des Wettlaufes ins All unter den Tisch fallen gelassen – hier in Zagreb aber gab es Raumfahrzeuge jeder Herkunft zu sehen.

TIROS-1

TIROS-1 (1960)

Mein persönliches Highlight ist der hier abgebildete amerikanische Wettersatellit TIROS-1: Warum auch immer – ob der Einfachheit halber, aus Gründen der Geheimhaltung oder aus Unwissen – wird hier deutlich: Er funktionierte mit Bauklötzchen. Eine beeindruckende Technik!

So, liebe Leute – das war’s aus Zagreb! Ich plane, noch einen Eintrag zu posten, in dem ich euch spektakuläre Panoramafotos zeige, und dann werde ich meinen Blog wahrscheinlich als abgeschlosen betrachten. Eine Fotogalerie für einen einfachen Überblick über meine Bilder, um sich nicht durch die Artikel wühlen zu müssen um ein bestimmtes Foto zu finden, ist aber auf jeden Fall noch geplant. Also: Ihr seid herzlich eingeladen, ab und an mal wieder in meinem elektronischen Reisetagebuch zu blättern!





Gesehen und Gelacht – Heute: Sarajevo

24 03 2009

Me_mit_HelmWeiter geht’s mit bisher unveröffentlichtem Material! Heute gibt’s kuriose und lustige Bilder aus Sarajevo. Das Porträt zur Linken (das einziger meiner ~350 Bilder, das mich zeigt) ist im Tunnelmuseum entstanden – eigentlich kein Ort für Scherze, aber was soll’s, man darf schließlich den Humor auch nicht verlieren! Wahrscheinlich diente dieser Helm einmal einem wirklichen bosnischen Soldaten, und der scheint Glück gehabt zu haben: Keine offensichtlichen Schäden waren im Metall oder dem Stoffüberzug zufinden. Toi-toi-toi, sag’ ich mal!

Hochleitungsbus2Hochleitungsbus1Gleich als erstes gibt’s etwas, worüber ich mich köstlich amüsiert hab’: Diese Hochleitungsbusse sind eine feine Sache, sehen exotisch aus und fahren ohne Treibstoff und unmittelbare Abgase. Einmal bin ich in einem gefahren, und es ist erstaunlich, nur das Summen eines Elektromotors statt des Dröhnen eines Dieselmotors zu hören. Aber was steht da eigentlich drauf? Schaut Euch die Bilder an und ihr werdet genausowenig Euren Augen trauen wie ich ;-) Offensichtlich wurden diese Busse der Stadt Sarajevo von der Stadt Solingen geschenkt (ja, in meiner Vorstellung war das pure Nettigkeit! Wehe, es zerstört jemand diese Illusion mit dreckigen Fakten), und es gab bislang kein Geld, um auch nur die Werbung auszuwechseln. Aber was soll’s, dafür ist es eine wie ich finde fortschrittliche Technik, ob die Busse nun alt und klapperig sind oder nicht.

SitzplatzBesonders witzig fand ich es auch, als sich eine Frau angeregt mit dem Fahrer unterhalten hat, über dessen Kopf ein Schild mit dem deutschen Text “Während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen” hing. Die armen Teufel, durch die Sprachbarriere davon abgehalten, deutsche Ordnung einkehren zu lassen! Sehr schön ist auch dieses Bild hier links, aus einer offensichtlich ebenfalls aus Deutschland übernommenen Tram: Man solle den Sitzplatz doch bitte aufgeben für Schwangere, Mütter, Greise und… Tja, was? Schaut auch das zweite Bild von rechts an. Ich tippe auf “dunkelhäutige Nazis mit Uniformmütze und Knüppel”.

KleinbusZwei Bilder zum Thema Verkehr habe ich noch: Zum einen diesen wunderbar erhaltenen Kleinlaster in Froschgrün. Gefunden habe ich ihn auf einem verlassenen und verfallenen Firmengelände nahe der Olympiaanlagen in Sarajevo. In meinen Augen bietet er sich als Fotomotiv geradezu an!

SchienenwolfZum anderen haben wir diese Glanzleistung deutscher Ingenieurskunst aus dem zweiten Weltkrieg, hinter dem historischen Museum im Zentrum von Sarajevo ausgestellt: Es handelt sich um einen sogenannten Schienenwolf. Er wurde (aus der Perspektive des Fotos) an der rechten Seite an einer Lok befestigt und nach rechts gezogen. Der große Haken an der linken Seite hat dann das Schienenbett aufgerissen – damit der Feind in erobertem Teritorium die Schienen nicht mehr nutzen konnte! Oder es ging ihnen einfach darum, Arbeitsplätze im Gleisbaugewerbe zu sichern.

KleineMoscheeHalogenKommen wir zur Rubrik Religion! Ohne gemein sein zu wollen, aber das Bild links fand ich schon amüsant, im Kontrast zu den vielen mächtigen Moscheen aus Stein. Und das rechte Bild vermittelt uns eine einfache, aber beruhigende Botschaft: Auch Allah bekommt Halogenleuchten nicht dazu, eine Moschee zu erhellen, ohne einen Transformator dranzuklemmen! Darüber sollten wir gerade in der heutigen Zeit nachdenken.

Zum Schluss noch ein Foto, das ich meiner Großmutter widmen möchte: Es zeigt mein Zimmer am Tag vor der Abreise aus Sarajevo.

Zimmer

Da fühlt man sich zuhause!





Graffiti in Bosnien und Kroatien

23 03 2009

Hier kommt er nun, der erste Post der Kateogrie “Verschiedenes und Kurioses”! Je nachdem, wie einfach sich das technisch lösen lässt, will ich auch noch eine Fotogallerie mit den besten Bildern meiner Reise hier auf der Seite veröffentlichen. Also, dranbleiben :)

Eines der Dinge, die mich besonders interessiert haben, waren politische Graffiti und was sie darüber aussagen, welche Themen und Ansichten die (meistens ja jungen) Menschen haben. In Bosnien gibt es mit den drei großen Volksgruppen auch drei große politische Themen: Den serbischen Nationalismus, den kroatischen Nationalismus und den islamischen Fundamentalismus.

Den serbischen Nationalismus habe ich wenig repräsentiert gesehen, aber ich habe mich ja auch kaum in der Republik Srpska oder gar in Serbien aufgehalten. Zwei habe ich aber dennoch gesehen:

Ne u NATO - Nicht in der NATO

Ne u NATO - "Nicht in der NATO"

Ein serbischer Ausdruck von Trotz und Verachtung gegenüber der NATO, die bis 1994 sporadisch, und ab 1995 massiv in den Bürgerkrieg um Bosnien eingegriffen hat. Das ist nicht zu verwechseln mit Ausdrücken von vor allem bosnischen Bürgern, die die UN und die NATO dafür verunglimpfen, nicht rechtzeitig in eingegriffen zu haben, um große Verluste und zivile Opfer zu verhindern (wie z.B. in Srebrenica und Sarajevo). Das Motiv habe ich gesehen, aber das Foto habe ich nicht selbst gemacht; Es kommt aus den Wikimedia Commons und ist in Serbien entstanden.

Dieses Motiv findet sich in verschiedenen Variationen und Vereinfachungen in Graffiti. Ursprünglich ist es selbst eine Vereinfachung eines komplizierten orthodoxen Kreuzes mit Symbolen für serbischen Nationalismus. Die vier Zeichen um das Kreuz werden als kyrillische С, also wie das lateinische S gelesen, dem Anfangsbuchstaben des Wortes Србија bzw. “Serbien”. Es kann als starker Ausdruck serbischen Nationalismus verstanden werden. Gesehen habe ich es nur einmal, aber dafür an einem Ort, wo es unendlich traurig zu sehen ist: An eine Schule in Srebrenica gesprayt.

Den kroatischen Nationalismus findet man vor allem in Mostar abgebildet. Hier sind aber die Bilder insgesamt sehr wirr, offenbar verfeindete Sprayer und Gruppen durchkreuzen und übermalen die jeweils anderen Graffiti. Außerdem scheint mit der Red Army Mostar eine Gruppe von Fußballfans sehr stark vertreten, die keinen unmittelbaren politischen Aspekt hat. Man gewinnt aber trotz allem den starken Eindruck, dass sich hier der kroatische Nationalismus und der bosnische Widerstandswille auch an den Wänden und Häusern gegenüberstehen.

NDH-UstašeDas hier links abgebildete Motiv – in einem zerschlagenen Informationskästchen an einer großen orthodoxen Kirche in Zagreb fotografiert – ist ein extremer Ausdruck des kroatischen Nationalimus. Das U steht für die Ustaše, eine faschistische Bewegung in Kroatien, die in den frühen 20er Jahren enstand und etwa von Mussolini aktiv unterstützt wurde. Nach der Besetzung durch die Achsenmächte wurde der Marionettenstaat Nezavisna Država Hrvatska (“Unabhängiger Staat Kroatien”) gegründet, und die Anführer der Ustaše erhielten schließlich die Macht in diesem Staat. Das Graffiti mit dem U und dem NDH zeigt also Bewunderung für eine faschistische Bewegung und deren “Erfolg”, nämlich der Einrichtung des faschistischen Satellitenstaates. Beide gingen nach dem Sieg der Alliierten 1945 unter.

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Eine aus deutscher Sicht ganz und gar abstruse Form nimmt das Nationalbewusstsein in Kroatien in diesem rechts abgebildeten Motiv an: Da steht neben einem Bekleidungsgeschäft in (leicht falschem) Englisch an die Wand geschrieben: “True Croat doesn’t wear fur” – “Ein wahrer Kroate trägt keinen Pelz”. Hier sieht man einen nationalen Gedanken gepaart mit einem linken politischen Ziel – nämlich Tierschutz. Niemals würde man in Deutschland einen Spruch wie “Ein wahrer Deutscher isst kein Fleisch” oder “Echte Deutsche fahren Fahrrad” sehen. Zugegeben, es gibt eine Umweltschutzbewegung unter Neonazis (die natürlich hauptsächlich “die Umwelt der deutschen Heimat” schützen will), aber das ist zum einen eher eine skurrile Randerscheinung und zum anderen nicht mit diesem Beispiel hier zu vergleichen: Tierschutz ist nur schwer mit nationalistischen Zielen in Verbindung zu bringen, daher die überraschende Einsicht: Beides existiert hier nebeneinander.

Todesanzeigen

Was ist das?

Was Islamismus angeht, so sind mir keine offensichtlichen Ausdrücke begegnet. Ich vermute, dass es eine Bewegung ist, die eher nicht durch Graffiti o.Ä. öffentlich in Erscheinung tritt, sondern eher durch soziales Einwirken zu wachsen versucht. Aber auch davon habe ich nichts mitbekommen – entgegen eines SPIEGEL-Artikels von vor einigen Wochen schien mir nichts in Sarajevo darauf hinzudeuten, dass hier eine bemerkenswerte Islamisierung stattfindet. Im öffentlichen Leben hatte ich den Eindruck, dass die islamische Religion zwar präsent ist, aber keinesfalls auf offensive Weise. Eben ins das der Menschen Leben integriert, auf angenehme Art. Ich will aber mal zum Thema einen interessanten Teil islamischen Lebens beleuchten, der so in ganz Bosnien zu finden ist: Die links dargestellten Zettel sind nicht nur in Sarajevo, sondern auch in Mostar, und anscheinend überhaupt in ganz Bosnien zu sehen. Zuerst dachte ich, dass es sich um Ankündigungen von Veranstaltungen handelt: Das Gesicht des Sprechers oder der Sprecherin, das Thema des Referats und ein Datum. Manchmal sind sie auch grau statt grün umrandet und mit einem Kreuz statt eines Halbmondes im obersten Teil zu sehen, aber die Aufmachung insgesamt ist die gleiche. Nachdem ich aber irre viele davon an allen Orten der Stadt gesehen habe, und vor allem gesehen habe, dass viele alte Leute oft anhalten, um sie sich durchzulesen, ging mir auf: Das sind Todesanzeigen. Statt sie wie in Deutschland eher privat zuhause in der Zeitung zu lesen, wird hier, wahrscheinlich in der Nachbarschaft, in der die verstorbene Person gelebt hat, öffentlich davon erzählt, dass diese Person nicht mehr lebt. Irgendwie finde ich das sympathischer als bei uns: Während hier alte Menschen oft als erstes die letzte Seite in der Zeitung aufschlagen und sich alle Tode des Tages in gebündelter Form geben, begegnen einem diese Ereignisse in Bosnien, so natürlich wie sie sind, an verschiedenen Orten zu allen Zeiten des Tages.

NazisRausDoch nun zu den sympathischen Graffiti! Das Bild links, wie es mir im Zentrum von Sarajevo begegnet ist, hat mir das Herz erwärmt. Zwischen lauter dummem Gekrakel findet sich, in prägnanter Farbe, eine eindeutige und gundsätzlich gute Aussage.

AntifaoBiHUnd, wie das Bild rechts zeigt, gibt es auch eine Antifaschistische Bewegung in Bosnien (BiH steht für Bosna i Hercegovina). Von der habe ich schließlich auch einen Aufkleber gefunden, in dem Stadtteil, in dem das Olympiastadion und die vielen Blockbauten standen. Nun wird es wirklich interessant:

Antifa-Aufkleber

Aufkleber der Bosnischen Antifa

Speziell auf die drei angesprochenen politischen Probleme ausgerichtet kommt dieser Aufkleber mit drei eindeutigen Aussagen daher: Nein zu serbischem Nationalismus (Doppelkopfadler mit serbischem Kreuz links), nein zu kroatischem Nationalismus (Ustaše-Symbol mit kraotischem Schachbrettmuster rechts) und nein zu islamischem Fundamentalismus (Halbmond mit Schwertern in der Mitte). Letzteres ist eine deutliche Positionierung, die sich niemals auf einem Aufkleber der deutschen Antifa finden ließe – wer den Streit um die Antideutschen kennt, weiß was ich meine. Für diejenigen, die damit nicht vertraut sind, sei hier nur gesagt, dass eine seit Jahrzehnten wütende Debatte innerhalb der deutschen Linken ist, ob und in welchem Maße man im Nahost-Konflikt die Position und Politik Israels bzw. der Palästinenser unterstützen darf, kann oder muss. Der Streit nimmt teilweise absurde Formen an und hat einen tiefen Graben durch die linke Bewegung in Deutschland gerissen. Daher meine Überraschung darüber, dass die Sache in Bosnien so eindeutig liegt: Eine Islamisierung ist abzulehnen, genau wie verschiedene Formen von Faschismus und Nationalismus.

Zuletzt will ich noch eine Wand eines verlassenen Gebäudes im Zentrum von Zagreb zeigen, die mich ganz und gar mit der Stadt versöhnt hat:

ZagrebWand

Besonders gefällt mir der mittlere der sechs grauen Wandteile: Der Schriftzug ТИТО (“Tito”) wünscht sich den Kommunismus zurück, das bekannte Männchen am Mülleimer wirft ein Hakenkreuz weg und darunter steht: СМРТ ФАЩИЗМУ (SMRT FAŠIZMU) — “Tod dem Faschismus”.

Soviel zu meinem kleinen Exkurs in das, was ich von der Politik in Bosnien und Kroatien so wahrgenommen habe. Ich hoffe, ihr fandet es nicht öde zu lesen – Die nächsten Beiträge werden sicher wieder lustiger und vielfältiger :) Auf bald!





Zagreb

20 03 2009

Ich muss sagen, ich mag diese Stadt wirklich! Auch wenn mein erster Eindruck gestern morgen kein wirklich guter war:

TS-Aufkleber

Guck mal, Nazis!

Abgesehen von diesem Thor Steinar-Aufkleber (den ich selbstverständlich pflichtbewusst entfernt und zerfetzt habe) sind mir vor allem die aggressiven Autofahrer aufgefallen. In Sarajevo lag die Sache einfach: Niemand hielt sich an irgendwelche Verkehrsregeln, und deshalb hatte keiner einen Anlass, die anderen blöd anzuhupen. In Zagreb hingegen wurde ich gleich nach meiner Ankunft angehupt, als ich über eine für mich grüne Ampel ging. Verzeihung, Herr Autofahrer, dass ich mit dem gut sichtbaren riesigen, scheiße schweren Reiserucksack eher langsam über die Ampel gehe, anstatt für Dich als Abbieger einen Sprint hinzulegen! >:-(

Zimmer 404

FAIL!

Na gut. Nach etwas Rumfragen und einigen Extrakilometern Fußmarsch durch die Stadt (Hotels sind überall ausgeschildert, aber versuch mal einer, ein Hostel zu finden…) bin ich in meinem Hostel angekommen, wo ich für 126 Kuna die Nacht (etwa 17 Euro) untergekommen bin.
Eine kleine Geschichte für Freunde des Internets: Ich habe wie verrückt mein Zimmer gesucht (siehe Foto), es aber nicht gefunden. Im Zimmer nebenan wurde mir der Zugriff verweigert. So ein Ärger!

Nationalarchiv

Nationalarchiv

Zagreb Glavni Kolodvor

Hauptbahnhof

Die Stadt ist schön, und lebt vor allem von wuchtiger Architektur. Dem politischen Betrachter fällt schnell auf, dass in Kroatien das Nationalbewusstsein stark entwickelt und wichtig für die Menschen ist. Überall stehen Statuen von großen Staatsmännern und viele Gebäude sind das “Nationale dies-oder-jenes”. Diese Befindlichkeit ist historisch nachvollziehbar: Nach der Regierung durch das Osmanische Reich und Österreich-Ungarn bis zum ersten Weltkrieg, einem gemeinsamen Königreich mit Slowenien und Serbien bis zum zweiten Weltkrieg, danach als Teil des großen, kommunistischen Jugoslawien und schließlich im Krieg um dessen Auflösung gegen Serbien der Rückeroberung großer Teile des historischen Territoriums ist es verständlich, dass man sich darüber freut, nun ein souveräner Nationalstaat zu sein.

Orthodox

Eine sehr stolze orthodoxe Kirche

Etwas Demut stünde Kroatien aber meiner Meinung nach auch gut zu Gesicht, immerhin war es im zweiten Weltkrieg mit den Nazis verbündet und hat sich seinen Nachbarn gegenüber auch dementsprechend verhalten, und es war an dem Krieg gegen Bosnien beteiligt, wo es für bosnische Kriegsgefangene KZ-ähnliche Lager gab. Aber natürlich lässt sich die geschichtliche Aufarbeitung eines Landes nicht an der Architektur seiner Hauptstadt festmachen, daher halte ich mich mit meinem Urteil zurück.

Kathedrale Zagreb

Kathedrale

Moscheen gibt es hier keine, dafür reichlich katholische und orthodoxe Kirchen. Das ist der Hintergrund zu einem politischen Witz aus Bosnien, den mit dort ein Mädchen erzählt hat: Er wird eigentlich mit dem bosnischen Äquivalent von Fritzchen und Erna erzählt, deren Namen ich aber vergessen habe. Sagt also Erna zu Fritzchen: “Hast Du gehört? Die Kroaten haben unsere Morschee in Mostar niedergebrannt!” Darauf Fritzchen: “Na und, dann zerstören wir halt ihre in Zagreb!”

Aufzug

Besser in Schuss als in Sarajevo!

Hier gibt es viele schöne und interessante Dinge zu sehen. Die Museen sind teilweise wirklich sehr sehenswert. Das Museum für naive Kunst (früher “primitive Kunst”) hat zum Beispiel sehr schöne Gemälde. Das typhographische Museum ist speziell darauf ausgelegt, Blinden und sehenden Menschen die Geschichte der Bildung, Schrift und Akzeptanz blinder Menschen in Kroatien darzulegen und Sehenden einen Eindruck davon zu vermitteln, wie das Leben für blinde Menschen aussieht. Dafür gibt es zum Beispiel einen dunklen Raum, durch den man sich mit einem üblichen Blindenstock tasten und verschiedene Gegenstände erfühlen kann. Außerdem gibt es eine kleine “Werkstatt”, wo man mit dem üblichen Schreibwerkzeug für Blinde und sogar mit einer Braille-Schreibmaschine Blindenschrift schreiben kann. Eine Mitarbeiterin hat mich durch die ganze Ausstellung geführt und sie mir auf Deutsch erklärt. Wirklich klasse!

Lunohod 1

1:1-Modell eines sowjetischen Mondroboters

Das naturgeschichtliche Museum ist für ein paar gruselige Ausstellungsstücke in Alkohol eingelegter Meerestiere und aufgespießter Insekten gut, das berühmte Neandertalerskelett war aber leider nicht zu sehen, da es an ein anderes Museum verliehen ist – könnte aber “vielleicht in zwei Jahren wieder hier” sein, wie mir ein Mitarbeiter achselzuckend mitteilte. Das technische Museum hat einige sehr coole Ausstellungsstücke (zum Beispiel Modelle von Raumfahrzeugen, oder ein altes U-Boot), ist aber in seinem Bestand hauptsächlich so alt, dass auch die “neuesten technischen Errungenschaften”, etwa in den Kategorien Haushaltsgeräte und Computer, definitiv schon ins Museum gehören.

MotoparkplatzBehindertenparkplatzAußerdem ist mir aufgefallen, dass Zagreb an manchen Stellen eine wirkliche intelligente Stadtgestaltung hat: So gibt es etwa Motorradparkplätze (siehe linkes Foto), und auf den Schildern für Behindertenparkplätze wird offenbar vorsorglich Falschparkern ins Gewissen geredet. Eine feine Sache! Es gäbe noch das eine oder andere von Zagreb zu erzählen, aber da sich der Tag und mein Geld (Internetcafé, gell?) dem Ende zuneigen, werde ich mir das für meine nachträglichen Posts aufheben.

Edit: Doch, eins ist mir noch eingefallen, dass ich erzählen will! Die Menschen hier sind sehr großzügig! Allein heute habe ich das dreimal erlebt: Heute morgen hatte ich in einem Laden 3,50 Kn (etwa 50 Cent) zu bezahlen. Nach einigem Kramen im Portemonnaie konnte ich nur einen Hunderter auf die Theke legen, was mir unangenehm war. Aber da kamen von einer jungen Frau, die gerade bedient worden war, einfach die 3,50 auf den Tresen und ein Lächeln zu mir. Schön!
Als nächstes war ich im naturhistorischen Museum, wo der Eintritt 15 Kn für Studenten betrug (etwa 2 Euro). Ich hatte nur einen Zwanziger, und der ältere Herr und (offenbar) seine Tochter am Tresen hatten kein Wechselgeld. Da drückte mir der Herr die Eintrittskarte in die Hand und gab mir den Zwanziger zurück – und die junge Frau sagte noch im Scherz: “Wir haben hier auch sehr ermäßigten Eintritt!”
Und zuletzt war ich im Supermarkt, wo mir ein paar Cent zu meinen zwei Bier fehlten, und die Kassiererin nahm alles was ich hatte schweigend entgegen, schaute mich an und sagte verschwörerisch: “Tschüß dann!” Wirklich schön :-)

Das ist es also! Dies ist mein letzter Eintrag vom Balkan. Ich hoffe, euch hat das Lesen genauso Spaß gemacht wie ich auf meiner Reise hatte. Denkt dran, der Blog ist noch nicht fertig :-)

Beschließen möchte ich heute mit einer schönen Szene, für die in Deutschland sicherlich das Ordnungsamt dem Übeltäter höchstpersönlich den Kopf abgerissen und ihm ein dickes Bußgeld aufgebrummt hätte (in dieser Reihenolge!).

Taubenfüttern

Dieser Herr macht das anscheinend öfter - die Tauben stürzten sich schon auf ihn, als er mit dem Fahrrad und seinen zwei dicken Tüten angefahren kam. Okay, man sagt dass alte Männer gern im Park Tauben füttern - aber unser Mann hier lässt es krachen!





Zagreb: Rache für Dubrovnik ;-)

19 03 2009

Nachdem mein Besuch in der kroatischen Mittelmeerstadt Dubrovnik ja nun ausgefallen ist, wo ich Sarajevo schon verlassen habe, habe ich mich dafür entschieden, noch einen Tag länger in Zagreb zu bleiben und Ljubljana dafür zu streichen. Die Gründe sind einfach!

  • Hier gibt es mindestens ein halbes Dutzend interessanter Mussen. Als ich das heute gemerkt habe, waren die meisten aber schon zu!
  • In Ljubljana hätte ich zwar mit meinen verbleibenden Euro bezahlen können, aber das sind sowieso sehr wenige ;-)
  • Hier kann ich noch ein wenig mein rudimentäres Bosnisch/Kroatisch/Serbisch benutzen, was mir Spaß macht.
  • Hier gibt es (mindestens im Vergleich zu Sarajevo) sehr viele hübsche Frauen :D

Also dann, Samstag früh geht es aus Zagreb nach Hamburg. Morgen kommt nochmal ein Update vor der Abfahrt, aber das wird noch nicht das Ende sein! Ich habe vor, auch wenn ich zurück bin noch “Verschiedenes und Kurioses” zu veröffentlichen, Dinge also, die ich bisher noch nicht geschrieben habe, die aber interessant sind. Freut euch auf die bosnische Antifa und Werbung für ein Solinger Schädlingsbekämpfungsunternehmen in Sarajevo!

Fazit: Nicht aufhören, meinen Blog zu lesen, bis ich sage, dass Schluss ist ;-)





Srebrenica und Fahrt nach Zagreb

19 03 2009

So, nun bin ich hier in Zagreb in einem sehr kuscheligen Internetcafé in einem Keller in einem Hinterhof. Hier darf man nicht nur rauchen, sondern es zieren auch Aufkleber gegen Tierversuche und für Vegetarismus und die Monitore und Wände. Zagreb scheint interessant zu werden, dazu später mehr.

Gestern bin ich mit dem Bus nach Srebrenica gefahren. Erstmals seit ich in der Bahn von Zagreb nach Sarajevo saß, habe ich auf der Fahrt wieder Minenwarnschilder entlang eines Waldstückes gesehen. Sie hingen aber so weit auseinander, dass man ohne Wissen um die Gefahr durchaus dazwischen in den Wald hätte laufen können – das lässt einen schon erschaudern.

Gräber

Ein Teil der Gräber in Potočcari

Ein paar Kilometer vor Srebrenica bin ich dann ausgestiegen, denn die Gedenkstätte für den Völkermord von 1995 liegt in dem Dorf Potočari, wo nach einer Umfrage unter den überlebenden Angehörigen – vor allem Mütter, die sich als “Mütter  von Srebrenica” organisiert haben – die Opfer begraben werden sollten. Die Gedenkstätte befindet sich noch im Aufbau, hier sollen über 8.000 Gräber entstanden sein, wenn sie fertig ist. Die Zahl von über 8300 Opfern stützt sich auf die Ausgrabungen an den Massengräbern und die Angaben von Menschen, die ihre Angehörigen vermissen. Keinem fühlenden Menschen dürften an diesem Ort nicht die Tränen in den Augen stehen.

Puppe

Zerstörte Puppe, von den Serben als Nachricht oder Warnung auf einem Massengrab hinterlassen

Die Identifikation der Opfer geht sehr langsam voran, denn die Serbische Armee und die bosnischen Tschetniks haben die Massengräber nach den Morden mit Baggern ausgehoben und die Leichenteile zu “sekundären Massengräbern” geschafft, um die Beweise für das Verbrechen zu verwischen und zu verbergen. So ist es kein seltener Fall, dass Teile eines Menschen an verschiedenen Orten geborgen werden. Mittels der Analyse von Knochenmark aus den Funden und dem Vergleich mit Blutproben der überlebenden Angehörigen werden die Leichenteile identifiziert. Außerdem werden den Angehörigen die gefundenen Kleidungsstücke und persönlichen Gegenstände der Opfer zur Identifikation gezeigt. Obwohl für jedes bekannte Opfer ein Grab in Potočari angelegt wird, kann jemand nach islamischer Tradition erst dann anständig begraben werden, wenn mehr als etwa zwei Drittel seiner Überreste vorhanden sind. An jedem 11. Juli, dem Jahrestag des Falls von Srebrenica, werden diejenigen beerdigt, die eindeutig identifizert worden sind und deren Überreste begraben werden können. Zehntausende Menschen wohnen dem bei, bisher sind jäahrlich meist einige Hundert beedrigt worden.

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"United Nothing"?

Ein Teil der Geschichte des Massakers von Srebrenica war mir unbekannt und äußerst schwer zu akzeptieren. Erst als ich die verlassene UN-Basis auf dem Gelände einer ehemaligen Batteriefabrik gesehen und Videoaufnahmen von jenen Tagen im Juli 1995 gesehen hatte, musste ich es akzeptieren: Die holländische UN-Brigade, die als Schutztruppe in Srebrenica stationiert war, hat nicht nur sehenden Auges den Massenmord geschehen lassen, sie hat auch die Verteidigung der Stadt verhindert und aktiv Menschen den Serben ausgeliefert. Im Rahmen der UN-Sicherheitsratsresolution, die Srebrenica zur “Safe area” (einem “sicheren Gebiet”) erklärte, wurden den die Stadt verteidigenden bosnischen Soldaten die Waffen abgenommen und in der UN-Basis eingeschlossen. Am 11. Juli 1995 griffen die Serben Srebrenica an, in das sich als eine der letzten muslimischen Enklaven im serbisch besetzten Gebiet über 45.000 Menschen geflüchtet hatten – mehr als sieben Mal soviele wie Srebrenica vor dem Krieg Einwohner hatte. Die hygienischen und Wonhzustände waren katastrophal, Menschen verhungerten, UN-Hilfslieferungen wurden von den Serben konfisziert. Bei dem Versuch, aus der Luft abgeworfene Hilfsgüter zu sichern, sind viele Menschen im Wald Minen zum Opfer gefallen oder von den Serben erschossen worden.

Halle

Über 5.000 Menschen suchten in dieser Halle Schutz - und fanden keinen.

An jenem 11. Juli also flüchteten fast alle der zehntausenden in Srebrenica in der Falle sitzenden Menschen zu der UN-Basis, die von einer holländischen Brigade gehalten wurde. Dort wurde ihnen verwährt, ihre sichergestellten Waffen zurückzubekomme, um Srebrenica verteidigen zu können. Nachdem fast 6.000 von ihnen in der großen Halle untergekommen waren, wollten die Holländer keine weiteren Menschen aufnehmen. Zunächst baten sie die Übersetzer, ansagen zu lassen, dass niemand mehr hineinkäme. Für die immer noch zehntausenden Menschen vor der Tür war dies eine unfassbare Hiobsbotschaft. Im Folgenden bildeten die Soldaten nicht nur Menschenketten, um die Hilfesuchenden zurückzuhalten, sondern verschweißten den Eingang zur Halle und verriegelten die Basis. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Serben Srebrenica praktisch bereits eingenommen und machten sich auf den Weg zu Basis in Potočari. In dem Dokumentarfilm, der uns gezeigt wurde, sieht man Ratko Mladić auf der Straße von Srebrenica stehen und sagen: “Heute, kurz vor dem Jahrestag des Aufstandes gegen die Türken, schenken wir diese Stadt der serbischen Nation. Es ist jetzt Zeit, an den Moslems Rache zu üben. Weiter nach Potočari!”

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Eingangstor zur damaligen Basis

Viele Männer in Srebrenica wussten, dass sie unter keinen Umständen den Serben in die Hände fallen durften, weil das ihren Tod bedeuten würde. Sie versuchten zu Tausenden, sich in der bergigen Gegend durch den Wald zu schlagen und die freie bosnische Stadt Tuzla zu erreichen. Sie starben massenweise vor Erschöpfung oder durch willkürlichen serbischen Beschuss. Der Mann, der unsere Führung machte, und der mit seiner Arbeit für die Gedenkstätte unter anderem die Gräber seines Bruders und seines Vaters betreut, war einer derer, die diese Odyssee überlebt haben.

Als die Serben in Potočari eintrafen, begannen sie, Männer von Frauen, Alten und Kindern zu trennen. Genau wie an den Toren von Auschwitz wurde mit “links” oder “rechts” über Leben und Tod entschieden – vor den Augen der holländischen Soldaten, vor den Augen der Welt, als meine Freunde und ich grade in die Grundschule gingen.

Die Blauhelme veranlassten schließlich auch, dass die Basis geräumt werden sollte, womit sie alle dort Schutzsuchenden den Serben auslieferten. In Bussen wurden sie von den Serben abtransportiert – Busse, die kein Stück anders aussahen als die, die heute noch ständig von und nach Srebrenica fahren, und mit denen auch ich gefahren bin. Sind dieselben Eisenbahnwagen, mit denen Juden und andere “Unerwünschte” von den Nazis in die Konzentrationlager deportiert worden waren, nach 1945 noch gefahren? Eine gruselige Vorstellung – in Srebrenica ist sie offenbar Wirklichkeit. Ein Überlebender erzählte in dem Dokumentarfilm, dass er als Übersetzer für die Holländer gearbeitet und seine Familie in der Basis bei sich hatte. Als die Räumung dem Ende zuging, forderten bewaffnete UN-Soldaten ihn auf, seine Familie nach draußen zu schicken – und das war das letzte mal, dass er sie sah.

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Namenstafel in Potočari (bisher 8372 Namen, Platz für weitere)

Auch die Stadt Srebrenica ist eine durch und durch unheimliche, traurige und unwirkliche Erscheinung. Erst auf den dritten Blick sieht man, dass der Krieg hier nicht erst wenige Wochen, sondern schon einige Jahre zurückliegt, denn einige wenige Häuser sind wiederaufgebaut und manche Geschäfte haben geöffnet. Selbst die Menschen auf den Straßen und die Kinder vor den Häusern ändern nichts daran, dass dieser Ort sich tot und kalt anfühlt, für immer ein Abbild der tragischen Katastrophe, die nun bald 15 Jahre zurückliegt. Ich habe mich nicht getraut, hier Fotos zu machen, als würden mich die grimmigen Menschen dafür anfeinden, dass ich auch nur mit meiner eigenen Erinnerung die Geister der Vergangenheit aufwecke. Selbst mit meiner unauffälligen Kleidung und meinem kleinen Rucksack war ich allein durch meine langen Haare und die Tatsache, dass ich kein serbisch spreche, ein Fremder, einer der hier nichts zu suchen hat. An iener Schule habe ich ein Graffiti gesehen, das serbischen Nationalismus ausdrückt und war erschüttert. Sieht man in Dachau Hakenkreuze an öffentlichen Gebäuden? Vielleicht.

Srebrenica war für mich ein fürchterlicher Ort, den ich mehr als froh war, verlassen zu können – anders als die hunderte Kinder, die hier aufwachsen.

durchatmen

Abschied

Abschied

Abends bin ich also nach Zagreb gefahren. Mit dem Vorhaben, die Nacht im Zug zu schlafen und ein Hostel für eine Nacht zu sparen, habe ich mich gründlich verspekuliert – von wegen schlafen! Ich habe mich bald nach der Abfahrt hingelegt, aber zusätzlich dazu, dass ich in unregelmäßigen Abständen dreimal meine Fahrkarte und zweimal meinen Ausweis vorzeigen sollte, riss alle gefühlten 40 Sekunden ein Heini in Uniform und Hut die Abteiltür und die Vorhänge auf, schaute kurz und ging weiter, ohne Tür und/oder Vorhang zurückzuschieben – wahrscheinlich war der Sinn der Übung, sicherzustellen, dass ich garantiert keinen erholsamen Schlaf haben würde. Na dann eben nicht :-P

Okay – was ich über Zagreb noch schrieben wollte, schreibe ich lieber später oder morgen. Immerhin will ich jetzt noch was von der Stadt sehen! Alles Gute an Euch da oben :-)








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