So, nun bin ich hier in Zagreb in einem sehr kuscheligen Internetcafé in einem Keller in einem Hinterhof. Hier darf man nicht nur rauchen, sondern es zieren auch Aufkleber gegen Tierversuche und für Vegetarismus und die Monitore und Wände. Zagreb scheint interessant zu werden, dazu später mehr.
Gestern bin ich mit dem Bus nach Srebrenica gefahren. Erstmals seit ich in der Bahn von Zagreb nach Sarajevo saß, habe ich auf der Fahrt wieder Minenwarnschilder entlang eines Waldstückes gesehen. Sie hingen aber so weit auseinander, dass man ohne Wissen um die Gefahr durchaus dazwischen in den Wald hätte laufen können – das lässt einen schon erschaudern.

Ein Teil der Gräber in Potočcari
Ein paar Kilometer vor Srebrenica bin ich dann ausgestiegen, denn die Gedenkstätte für den Völkermord von 1995 liegt in dem Dorf Potočari, wo nach einer Umfrage unter den überlebenden Angehörigen – vor allem Mütter, die sich als “Mütter von Srebrenica” organisiert haben – die Opfer begraben werden sollten. Die Gedenkstätte befindet sich noch im Aufbau, hier sollen über 8.000 Gräber entstanden sein, wenn sie fertig ist. Die Zahl von über 8300 Opfern stützt sich auf die Ausgrabungen an den Massengräbern und die Angaben von Menschen, die ihre Angehörigen vermissen. Keinem fühlenden Menschen dürften an diesem Ort nicht die Tränen in den Augen stehen.

Zerstörte Puppe, von den Serben als Nachricht oder Warnung auf einem Massengrab hinterlassen
Die Identifikation der Opfer geht sehr langsam voran, denn die Serbische Armee und die bosnischen Tschetniks haben die Massengräber nach den Morden mit Baggern ausgehoben und die Leichenteile zu “sekundären Massengräbern” geschafft, um die Beweise für das Verbrechen zu verwischen und zu verbergen. So ist es kein seltener Fall, dass Teile eines Menschen an verschiedenen Orten geborgen werden. Mittels der Analyse von Knochenmark aus den Funden und dem Vergleich mit Blutproben der überlebenden Angehörigen werden die Leichenteile identifiziert. Außerdem werden den Angehörigen die gefundenen Kleidungsstücke und persönlichen Gegenstände der Opfer zur Identifikation gezeigt. Obwohl für jedes bekannte Opfer ein Grab in Potočari angelegt wird, kann jemand nach islamischer Tradition erst dann anständig begraben werden, wenn mehr als etwa zwei Drittel seiner Überreste vorhanden sind. An jedem 11. Juli, dem Jahrestag des Falls von Srebrenica, werden diejenigen beerdigt, die eindeutig identifizert worden sind und deren Überreste begraben werden können. Zehntausende Menschen wohnen dem bei, bisher sind jäahrlich meist einige Hundert beedrigt worden.

"United Nothing"?
Ein Teil der Geschichte des Massakers von Srebrenica war mir unbekannt und äußerst schwer zu akzeptieren. Erst als ich die verlassene UN-Basis auf dem Gelände einer ehemaligen Batteriefabrik gesehen und Videoaufnahmen von jenen Tagen im Juli 1995 gesehen hatte, musste ich es akzeptieren: Die holländische UN-Brigade, die als Schutztruppe in Srebrenica stationiert war, hat nicht nur sehenden Auges den Massenmord geschehen lassen, sie hat auch die Verteidigung der Stadt verhindert und aktiv Menschen den Serben ausgeliefert. Im Rahmen der UN-Sicherheitsratsresolution, die Srebrenica zur “Safe area” (einem “sicheren Gebiet”) erklärte, wurden den die Stadt verteidigenden bosnischen Soldaten die Waffen abgenommen und in der UN-Basis eingeschlossen. Am 11. Juli 1995 griffen die Serben Srebrenica an, in das sich als eine der letzten muslimischen Enklaven im serbisch besetzten Gebiet über 45.000 Menschen geflüchtet hatten – mehr als sieben Mal soviele wie Srebrenica vor dem Krieg Einwohner hatte. Die hygienischen und Wonhzustände waren katastrophal, Menschen verhungerten, UN-Hilfslieferungen wurden von den Serben konfisziert. Bei dem Versuch, aus der Luft abgeworfene Hilfsgüter zu sichern, sind viele Menschen im Wald Minen zum Opfer gefallen oder von den Serben erschossen worden.

Über 5.000 Menschen suchten in dieser Halle Schutz - und fanden keinen.
An jenem 11. Juli also flüchteten fast alle der zehntausenden in Srebrenica in der Falle sitzenden Menschen zu der UN-Basis, die von einer holländischen Brigade gehalten wurde. Dort wurde ihnen verwährt, ihre sichergestellten Waffen zurückzubekomme, um Srebrenica verteidigen zu können. Nachdem fast 6.000 von ihnen in der großen Halle untergekommen waren, wollten die Holländer keine weiteren Menschen aufnehmen. Zunächst baten sie die Übersetzer, ansagen zu lassen, dass niemand mehr hineinkäme. Für die immer noch zehntausenden Menschen vor der Tür war dies eine unfassbare Hiobsbotschaft. Im Folgenden bildeten die Soldaten nicht nur Menschenketten, um die Hilfesuchenden zurückzuhalten, sondern verschweißten den Eingang zur Halle und verriegelten die Basis. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Serben Srebrenica praktisch bereits eingenommen und machten sich auf den Weg zu Basis in Potočari. In dem Dokumentarfilm, der uns gezeigt wurde, sieht man Ratko Mladić auf der Straße von Srebrenica stehen und sagen: “Heute, kurz vor dem Jahrestag des Aufstandes gegen die Türken, schenken wir diese Stadt der serbischen Nation. Es ist jetzt Zeit, an den Moslems Rache zu üben. Weiter nach Potočari!”

Eingangstor zur damaligen Basis
Viele Männer in Srebrenica wussten, dass sie unter keinen Umständen den Serben in die Hände fallen durften, weil das ihren Tod bedeuten würde. Sie versuchten zu Tausenden, sich in der bergigen Gegend durch den Wald zu schlagen und die freie bosnische Stadt Tuzla zu erreichen. Sie starben massenweise vor Erschöpfung oder durch willkürlichen serbischen Beschuss. Der Mann, der unsere Führung machte, und der mit seiner Arbeit für die Gedenkstätte unter anderem die Gräber seines Bruders und seines Vaters betreut, war einer derer, die diese Odyssee überlebt haben.
Als die Serben in Potočari eintrafen, begannen sie, Männer von Frauen, Alten und Kindern zu trennen. Genau wie an den Toren von Auschwitz wurde mit “links” oder “rechts” über Leben und Tod entschieden – vor den Augen der holländischen Soldaten, vor den Augen der Welt, als meine Freunde und ich grade in die Grundschule gingen.
Die Blauhelme veranlassten schließlich auch, dass die Basis geräumt werden sollte, womit sie alle dort Schutzsuchenden den Serben auslieferten. In Bussen wurden sie von den Serben abtransportiert – Busse, die kein Stück anders aussahen als die, die heute noch ständig von und nach Srebrenica fahren, und mit denen auch ich gefahren bin. Sind dieselben Eisenbahnwagen, mit denen Juden und andere “Unerwünschte” von den Nazis in die Konzentrationlager deportiert worden waren, nach 1945 noch gefahren? Eine gruselige Vorstellung – in Srebrenica ist sie offenbar Wirklichkeit. Ein Überlebender erzählte in dem Dokumentarfilm, dass er als Übersetzer für die Holländer gearbeitet und seine Familie in der Basis bei sich hatte. Als die Räumung dem Ende zuging, forderten bewaffnete UN-Soldaten ihn auf, seine Familie nach draußen zu schicken – und das war das letzte mal, dass er sie sah.

Namenstafel in Potočari (bisher 8372 Namen, Platz für weitere)
Auch die Stadt Srebrenica ist eine durch und durch unheimliche, traurige und unwirkliche Erscheinung. Erst auf den dritten Blick sieht man, dass der Krieg hier nicht erst wenige Wochen, sondern schon einige Jahre zurückliegt, denn einige wenige Häuser sind wiederaufgebaut und manche Geschäfte haben geöffnet. Selbst die Menschen auf den Straßen und die Kinder vor den Häusern ändern nichts daran, dass dieser Ort sich tot und kalt anfühlt, für immer ein Abbild der tragischen Katastrophe, die nun bald 15 Jahre zurückliegt. Ich habe mich nicht getraut, hier Fotos zu machen, als würden mich die grimmigen Menschen dafür anfeinden, dass ich auch nur mit meiner eigenen Erinnerung die Geister der Vergangenheit aufwecke. Selbst mit meiner unauffälligen Kleidung und meinem kleinen Rucksack war ich allein durch meine langen Haare und die Tatsache, dass ich kein serbisch spreche, ein Fremder, einer der hier nichts zu suchen hat. An iener Schule habe ich ein Graffiti gesehen, das serbischen Nationalismus ausdrückt und war erschüttert. Sieht man in Dachau Hakenkreuze an öffentlichen Gebäuden? Vielleicht.
Srebrenica war für mich ein fürchterlicher Ort, den ich mehr als froh war, verlassen zu können – anders als die hunderte Kinder, die hier aufwachsen.
– durchatmen –

Abschied
Abends bin ich also nach Zagreb gefahren. Mit dem Vorhaben, die Nacht im Zug zu schlafen und ein Hostel für eine Nacht zu sparen, habe ich mich gründlich verspekuliert – von wegen schlafen! Ich habe mich bald nach der Abfahrt hingelegt, aber zusätzlich dazu, dass ich in unregelmäßigen Abständen dreimal meine Fahrkarte und zweimal meinen Ausweis vorzeigen sollte, riss alle gefühlten 40 Sekunden ein Heini in Uniform und Hut die Abteiltür und die Vorhänge auf, schaute kurz und ging weiter, ohne Tür und/oder Vorhang zurückzuschieben – wahrscheinlich war der Sinn der Übung, sicherzustellen, dass ich garantiert keinen erholsamen Schlaf haben würde. Na dann eben nicht
Okay – was ich über Zagreb noch schrieben wollte, schreibe ich lieber später oder morgen. Immerhin will ich jetzt noch was von der Stadt sehen! Alles Gute an Euch da oben